85 Prozent der deutschen Unternehmen nutzen Social Media, um „Bekanntheit zu steigern“ – das ist die Logik eines Aushangs. Warum Print- und Webseiten-Denken im Feed verliert, wem Menschen eine Information über eine Marke tatsächlich glauben, und welche zwei berühmten Zahlen wir aus diesem Beitrag rausgeworfen haben, weil sie sich nicht belegen lassen.
An fast jedem Firmenkanal, der nicht funktioniert, lässt sich dasselbe beobachten: Er wird betrieben wie ein schwarzes Brett. Es gibt eine Nachricht, die Nachricht wird ausgehängt, fertig. Neue Maschine da. Team gewachsen. Betriebsferien vom 23. bis zum 6. Ein Aushang mit Reichweitenanspruch.
Das klingt nach einer Beobachtung, die man nicht belegen kann. Kann man aber – die Unternehmen sagen es selbst. Der Bitkom hat im Frühjahr 2025 über 600 deutsche Unternehmen ab 20 Beschäftigten gefragt, wozu sie Social Media eigentlich nutzen. Die Antwort ist eine Rangliste, die man wie ein Geständnis lesen kann:
Wozu deutsche Unternehmen Social Media nutzen
Mehrfachnennung möglich. Ganz oben steht Senden, ganz unten steht Zuhören.
- Bekanntheit des Unternehmens steigern
- 85%
- Marken- und Produktbekanntheit steigern
- 81%
- Image verbessern
- 72%
- Kundenservice
- 70%
- Mitarbeitergewinnung
- 62%
- Wettbewerb beobachten
- 37%
- Interne Kommunikation
- 34%
Quelle: Bitkom Research, 2025. Telefonische Befragung von 602 Unternehmen in Deutschland ab 20 Beschäftigten, repräsentativ, Erhebung Frühjahr 2025.
„Bekanntheit steigern“ auf Platz eins, genannt von 85 Prozent. Das ist exakt die Denkweise des Aushangs: Wir haben etwas, wir machen es bekannt. Dialog, Vertrauen oder Bindung tauchen in der Zielliste gar nicht erst auf.
Das ist kein Faulheitsproblem. Es ist ein Übersetzungsfehler. Die Leute, die den Kanal betreuen, haben ihr Handwerk in Print und auf der Webseite gelernt – und dort ist das schwarze Brett genau richtig.
Warum Print und Webseite nach anderen Regeln spielen
Eine Anzeige im Regionalblatt und eine Unternehmensseite haben eine Gemeinsamkeit, die man leicht übersieht: Die Aufmerksamkeit ist vorher geklärt. Bei der Anzeige habt ihr sie gekauft – der Platz gehört euch, wer die Seite aufschlägt, sieht sie. Auf eurer Webseite ist sie geschenkt, weil niemand dort versehentlich landet. Wer nach einem Maschinenbauer in der Region sucht und auf euch klickt, hat sich bereits entschieden, euch zuzuhören.
Im Feed gilt keins von beidem. Der Platz ist gratis, die Aufmerksamkeit nicht. Und sie ist knapper, als die meisten Planungen unterstellen: Die ARD/ZDF-Medienstudie 2025 misst für Deutschland eine durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer sozialer Netzwerke von 30 Minuten. Nicht pro Plattform – insgesamt. In diese halbe Stunde müssen Freunde, Familie, Nachrichten, Unterhaltung und sämtliche Marken passen, die jemand abonniert hat.
30 Min.
Quelle: ARD/ZDF-Medienstudie, Media Perspektiven 31/2025, 2025. Zufallsstichprobe von 2.512 Personen ab 14 Jahren in Deutschland, Erhebung Januar bis April 2025.
Auf eurer Webseite seid ihr eingeladen. Im Feed drängelt ihr euch dazwischen.
Woran ihr euer eigenes schwarzes Brett erkennt
- Das Bild entsteht zuletzt. Erst wird der Text geschrieben, dann sucht jemand ein passendes Foto – meistens die Frontalansicht des Firmengebäudes.
- Es kommt keine Person vor. Alles steht im Wir, niemand hat ein Gesicht, niemand sagt etwas in eigenen Worten.
- Der Beitrag beginnt mit dem Anlass statt mit dem Interessanten: „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen …“
- Die Freigabe läuft über drei Stationen, und am Ende ist der Beitrag vier Wochen alt.
- Das Logo klebt auf jedem Bild. Meistens unten rechts, meistens in einer Ecke, in der es nichts bringt.
- Der Erfolg wird daran gemessen, dass gepostet wurde – nicht daran, ob jemand reagiert hat.
Perfektion ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Genre-Signal
Der unangenehme Teil zuerst: Das hochglänzende Bild schadet euch. Nicht, weil es schlecht wäre – sondern weil es auf einen Blick verrät, worum es sich handelt. Sauber ausgeleuchtet, ordentlich gesetzt, Logo drauf: Das ist Werbung. Und Werbung wird aussortiert, bevor der Inhalt überhaupt gelesen ist.
Dass das Motiv selbst der entscheidende Hebel ist, lässt sich erstaunlich hart belegen. NCSolutions hat über 400 Kampagnenstudien im US-Konsumgütermarkt ausgewertet und dabei nicht Umfragen genutzt, sondern tatsächliche Kassendaten. Ergebnis: Das Creative – also was ihr zeigt – erklärt fast die Hälfte des zusätzlichen Abverkaufs. Mehr als Zielgruppenauswahl, Reichweite und Kontaktabstand zusammen.
49 %
Quelle: NCSolutions, 2023. Auswertung von 359 digitalen und 47 TV-Kampagnenstudien im US-Konsumgütermarkt, verknüpft mit tatsächlichen Kassendaten. Der Herausgeber verkauft Werbewirkungsmessung.
Ehrlich dazugesagt: Diese Studie stammt aus dem US-Konsumgütermarkt und untersucht bezahlte Werbung, nicht organische Unternehmensprofile. Sie belegt, dass das Motiv wichtiger ist als die Aussteuerung. Sie belegt nicht, dass ein Handyvideo einen Imagefilm schlägt.
Und damit hier kein Missverständnis entsteht: Das ist kein Freibrief für schlechte Arbeit. Unscharf, verwackelt, schlechter Ton – das verliert genauso. Der Unterschied liegt nicht zwischen gut und schlecht gemacht, sondern zwischen inszeniert und echt. Guter Social-Content ist handwerklich sauber und sieht trotzdem nicht nach Kampagne aus. Das ist schwerer, nicht einfacher.
Storytelling heißt nicht, Geschichten zu erzählen
Storytelling ist ein Wort geworden, das alles und nichts bedeutet. Praktisch heißt es: ein Mensch, ein Moment, eine Veränderung. Mehr braucht es nicht.
Beispiel aus dem Maschinenbau, weil es dort angeblich nichts zu erzählen gibt. Schwarzes Brett: „Unsere neue Fünf-Achs-Fräse ist in Betrieb.“ Foto der Maschine, Logo, fertig. Erzählt: Der Zerspanungsmechaniker steht davor und sagt, was er vorher in zwei Aufspannungen machen musste und jetzt in einer schafft – und dass er das anfangs nicht geglaubt hat. Gleiche Information. Aber die zweite Variante hat einen Absender, eine Meinung und einen Moment, an dem sich etwas ändert.
Die Umstellung, die dafür im Kopf passieren muss, ist unbequem. Nicht mehr fragen: Was wollen wir mitteilen? Sondern: Wem wären dafür zwölf Sekunden wert, der nicht bei uns arbeitet?
Der Absender entscheidet – und der seid meistens nicht ihr
Hier liegt die Zahl, die aus unserer Sicht die wichtigste des ganzen Themas ist. Das Edelman Trust Institute hat 2025 über 15.000 Menschen in 15 Ländern, Deutschland eingeschlossen, eine sehr direkte Frage gestellt: Wem vertraut ihr, wenn es darum geht, korrekte Informationen über eine Marke zu bekommen?
Wem glauben Menschen Informationen über eine Marke?
Anteil, der dem jeweiligen Absender vertraut. Die Geschäftsführung landet hinter den eigenen Mitarbeitenden – und weit hinter den Kundinnen und Kunden.
- Freunde und Familie
- 84%
- Kundinnen und Kunden wie ich
- 80%
- Kundenbewertungen
- 68%
- Mitarbeitende der Marke
- 63%
- Journalistinnen und Journalisten
- 59%
- Die Geschäftsführung der Marke
- 58%
Quelle: Edelman Trust Institute, 2025. Online-Befragung von 15.042 Personen in 15 Ländern einschließlich Deutschland, neunstufige Skala, Frage an die halbe Stichprobe. Herausgeber ist eine PR-Agentur, die Methodik ist vollständig dokumentiert.
Lest die Reihenfolge noch einmal von unten. Ganz unten steht die Person, die in den meisten Unternehmen jeden Beitrag freigibt. Darüber stehen die Menschen, die nie gefragt werden, ob sie etwas sagen wollen. Und ganz oben stehen die, über die man gar nicht verfügen kann.
Dieselbe Erhebung fragt auch, was die Meinung über eine Marke vor dem Kauf prägt. Die eigene Erfahrung mit dem Produkt liegt bei 70 Prozent, die Erfahrung anderer bei 59 – und das, was die Marke selbst über sich sagt, bei 50. Eure eigene Botschaft ist also der schwächste der drei Kanäle. Sie ist nicht wertlos, aber sie ist nie das Hauptargument.
UGC ist nicht billiger Content, sondern ein anderer Absender
Content von Kunden, Nutzern oder den eigenen Leuten wird gern als Sparmaßnahme missverstanden. Der Hebel liegt woanders – genau in der Rangliste oben. Es geht um die Frage, wer spricht.
Wenn ihr sagt, dass bei euch ein guter Ton herrscht, ist das Marketing. Wenn eine Auszubildende im dritten Lehrjahr es sagt, ist es eine Information. Derselbe Satz, völlig anderer Wert – allein wegen des Absenders. Das lässt sich durch kein Budget ersetzen. Auch der älteste Befund der Branche zeigt in dieselbe Richtung: In Nielsens weltweiter Vertrauensstudie ist die Empfehlung von Menschen, die man kennt, seit Jahren der meistvertraute Werbekanal überhaupt.
Organisatorisch ist das der schwierigere Weg, nicht der günstigere. Es braucht Menschen im Betrieb, die mitmachen, eine Freigabe, die in Stunden statt in Wochen läuft, und jemanden, der Rohmaterial einsammelt, ohne dass es sich nach Hausaufgabe anfühlt.
Wo die These an ihre Grenze kommt
An dieser Stelle müsste jetzt der Satz stehen, dass nutzergenerierte Inhalte immer gewinnen. Er wäre falsch, und die beste verfügbare Evidenz widerspricht ihm.
Eine Meta-Analyse im Journal of Interactive Marketing hat 223 Einzelstudien mit zusammen knapp 98.000 Befragten ausgewertet und nutzergenerierte gegen unternehmenseigene Inhalte gestellt. Ergebnis: Für den Aufbau von Markenloyalität ist unternehmenseigener Content in den meisten untersuchten Zusammenhängen der wirksamere – abhängig davon, ob es um Alltagsprodukte oder um Anschaffungen geht, um Genuss oder um Nutzen.
Das ist kein Widerspruch zum Rest dieses Textes, aber eine Präzisierung. Es geht nicht darum, eure eigene Kommunikation abzuschaffen und durch Handyvideos von Mitarbeitenden zu ersetzen. Es geht darum, wer bei welcher Aussage der glaubwürdigere Absender ist. Über Qualität, Anspruch und Haltung dürft ihr selbst sprechen. Über die Frage, wie es ist, bei euch zu arbeiten oder zu kaufen, redet ihr besser nicht selbst.
Wie groß der Abstand im Mittelstand wirklich ist
Wie weit die Praxis davon entfernt ist, zeigt eine zweite Bitkom-Erhebung, diesmal im Handwerk. 83 Prozent der Betriebe nennen fehlende Auszubildende als Herausforderung, 75 Prozent den Fachkräftemangel. Und so sieht die Plattformnutzung derer aus, die überhaupt Social Media betreiben:
Welche Netzwerke Handwerksbetriebe nutzen
Basis: Betriebe, die Social Media nutzen. Die beiden Plattformen, auf denen Bewegtbild stattfindet, stehen ganz unten.
- Lokale Netzwerke wie nebenan.de
- 65%
- 57%
- 38%
- 35%
- 33%
- X
- 12%
- TikTok
- 7%
- YouTube
- 6%
Quelle: Bitkom Research, 2025. Telefonische Befragung von 504 Handwerksbetrieben in Deutschland ab einem Beschäftigten, repräsentativ, Erhebung Sommer 2025.
Sieben Prozent auf TikTok, sechs auf YouTube – während vier von fünf Betrieben keine Auszubildenden finden. Man muss nicht behaupten, TikTok löse den Fachkräftemangel. Aber die Kanäle, auf denen sich die gesuchte Altersgruppe tatsächlich aufhält und auf denen Menschen in Bewegtbild vorkommen können, sind im deutschen Handwerk praktisch leer. Das ist keine Sättigung, das ist eine offene Tür.
Zwei Zahlen, die hier absichtlich fehlen
Wer zu diesem Thema recherchiert, stolpert zwangsläufig über zwei Klassiker. Beide haben wir geprüft und beide fliegen raus – was vielleicht das Nützlichste an diesem Beitrag ist.
- „Im mobilen Feed habt ihr 1,7 Sekunden Aufmerksamkeit.“ Die Spur endet bei einem Facebook-eigenen PDF von 2017, das nirgends öffentlich einsehbar ist. Keine Stichprobe, keine Messmethode, keine Definition – und der Herausgeber hat anschließend kürzere Videoformate verkauft.
- „79 Prozent sagen, nutzergenerierte Inhalte beeinflussen ihre Kaufentscheidung stark.“ Die Zahl existiert, stammt aber aus einer Befragung von 2019, die ein Anbieter von UGC-Software in Auftrag gegeben hat. Kein deutschsprachiges Land in der Stichprobe, Fragetext und Skala nicht öffentlich. Sie wird fast immer ohne Jahr und ohne Auftraggeber zitiert.
Beide Zahlen hätten diesen Text griffiger gemacht. Genau deshalb sind sie so verbreitet. Wer euch eine Strategie mit solchen Zahlen verkauft, hat sie in aller Regel nicht nachgeprüft – und ihr könnt das in zehn Minuten selbst tun.
Was ihr aus der Print-Welt behalten solltet
Kein Grund, alles wegzuwerfen. Drei Dinge sind im Feed genauso viel wert wie im Katalog:
- Markenklarheit. Wie ihr klingt, wofür ihr steht, was ihr nicht mitmacht – das gilt im Feed genauso.
- Sorgfalt bei Fakten. Zahlen, Namen, Zusagen. Ein Fehler wird auf Social nur schneller sichtbar, nicht weniger schlimm.
- Handwerk. Ton, Schnitt, Lesbarkeit, Untertitel. Das Genre ist lockerer, die Ausführung nicht.
Was ihr loslassen müsst, ist enger als befürchtet: die Hochglanz-Ästhetik, die lange Freigabeschleife und die Vorstellung, dass ein Beitrag erst raus darf, wenn er endgültig ist.
Wie der Umstieg praktisch anfängt
- Einen Monat lang kein einziger Beitrag ohne einen Menschen im Bild oder im Ton. Härteste Regel, schnellste Wirkung.
- Freigabe auf eine Person reduzieren und ein Zeitfenster festlegen: 24 Stunden, danach geht es raus.
- Drei Leute im Betrieb fragen, die gern reden. Nicht die Geschäftsführung – die Leute, die den Job machen.
- Einen Drehtag pro Quartal, aus dem zehn bis fünfzehn kurze Stücke entstehen. Dazwischen läuft ein Handy mit.
- Ein Erfolgsmaß, das nichts mit Reichweite zu tun hat: Gespeichertes, Geteiltes, Nachrichten im Postfach. Alles, wofür jemand kurz aufhören muss zu scrollen.
Das schwarze Brett fragt: Was wollen wir mitteilen? Social Media fragt: Warum sollte das jemanden interessieren, der nicht bei uns arbeitet?
Der Umbau kostet kein größeres Budget. Er kostet die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben – über das Aussehen, über den Wortlaut, über den Absender. Genau daran scheitert es in den meisten Firmen, nicht am Geld. Wer sie abgibt, merkt es innerhalb weniger Wochen daran, dass Leute anfangen zu antworten, statt nur vorbeizuscrollen.
Quellen
Jede Zahl in diesem Beitrag ist hier nachprüfbar, inklusive Stichprobe und Erhebungsjahr. Zahlen, für die wir keine einsehbare Primärquelle gefunden haben, stehen nicht im Text – auch nicht die bekannten.
- [2]ARD/ZDF-Medienstudie, Media Perspektiven 31/2025: Social Media zwischen Wachstum und Sättigung: Nutzungsmuster und Plattformdynamiken in Deutschland (2025). Zufallsstichprobe von 2.512 Personen ab 14 Jahren in Deutschland, Erhebung Januar bis April 2025.
- [3]NCSolutions: Five Keys to Advertising Effectiveness (2023). Auswertung von 359 digitalen und 47 TV-Kampagnenstudien im US-Konsumgütermarkt, verknüpft mit tatsächlichen Kassendaten. Der Herausgeber verkauft Werbewirkungsmessung.
- [4]Edelman Trust Institute: Trust Barometer Special Report: Brand Trust – From We to Me (2025). Online-Befragung von 15.042 Personen in 15 Ländern einschließlich Deutschland, neunstufige Skala, Frage an die halbe Stichprobe. Herausgeber ist eine PR-Agentur, die Methodik ist vollständig dokumentiert.
- [5]Nielsen: Trust in Advertising Study (2021). Online-Befragung von über 40.000 Personen ab 15 Jahren in 56 Ländern. Öffentlich einsehbar ist nur eine einseitige Zusammenfassung, nicht der vollständige Bericht.
- [6]Tyrväinen, Karjaluoto & Ukpabi, Journal of Interactive Marketing: Understanding the Role of Social Media Content in Brand Loyalty: A Meta-Analysis of User-Generated Content Versus Firm-Generated Content (2023). Meta-Analyse über 223 unabhängige Stichproben mit zusammen 97.709 Befragten, peer-reviewed.
- [7]Bitkom Research: Digitalisierung des Handwerks (2025). Telefonische Befragung von 504 Handwerksbetrieben in Deutschland ab einem Beschäftigten, repräsentativ, Erhebung Sommer 2025.